Kaum einer schreit Hurra, wenn er in einer Krise steckt und dennoch ist das eine Phase im Leben, die extrem viel Wertvolles beinhaltet. Sie lehrt dich, deine alten Verletzungen anzuschauen, sie puscht dich, deine eigene Kraft zu aktivieren und sie ermöglicht dir, über dich selbst hinauszuwachsen. Nichts im Leben passiert zufällig und du kannst dein Leben zum Positiven wenden, wenn du annimmst, was ist.

Im frühen Teenager-Alter sagte meine ehemalige Pflegemutter mal zu mir, dass sie es mit meiner familiären Situation verwundert, dass ich nicht auf die schiefe Bahn geraten bin. Ich weiß noch genau, wie ich in dem Moment über diese Aussage überrascht war, denn ich fragte mich, ob ich denn leiden und unglücklich sein müsste. Auch wenn meine Kindheit von der Alkoholsucht, der Gewalt und der Lieblosigkeit meines Vaters geprägt war, war ich dennoch ein Sonnenscheinkind. Doch es war unter anderem genau diese Aussage, die etwas in mir auslöste, was mich in meinem späteren Leben immer wieder in tiefe Krisen hineinmanövrierte. Denn von nun an hatte ich gelernt, dass man auf jeden Fall unglücklich sein müsste, wenn die äußeren Umstände nicht so sind, wie man es gerne hätte. Sehr, sehr langsam durfte ich später begreifen, dass ICH immer diejenige bin, die ihr Leben durch die Bewertung gestaltet.

Mitleid versus Mitgefühl

Es ist sehr wichtig, dass du Mitgefühl mit dir hast, wenn es dir nicht gut geht. Doch Mitgefühl ist kein Mitleid. Um das besser zu verstehen, möchte ich zwischen Gefühlen und Emotionen unterscheiden. Ein Gefühl ist zunächst etwas, dass sich rein als körperliche Reaktion zeigt, die aufgrund eines Sinneseindruckes entsteht. Du nimmst über deine fünf Sinne (sehen, hören, fühlen, riechen und schmecken) im Außen etwas wahr, was in deinem Gehirn als elektrische Impulse weitergeleitet und verarbeitet wird. Je nachdem, welche Informationen mit diesem Reiz gekoppelt sind, löst es in dir Gefühle aus, die du als eher angenehm oder unangenehm wahrnimmst. Das Gefühl ist bisher lediglich eine Wahrnehmung. Doch sobald eine Bewertung einsetzt, wird das Gefühl zu einer Emotion. Wenn es dir zum Beispiel den Hals zuschnürt, dann fühlt es sich für dich als unangenehm an und ist etwas, was du in der Regel unbedingt weghaben möchtest. Du bewertest das Gefühl als schlecht und das ist dann die Emotion Wut, Enttäuschung, Trauer oder was auch immer. Wenn du nun voll in diese Bewertung einsteigst, entsteht durch deine Bewertung im Kopf ein Drama. Das Ganze wird zum Selbstmitleid. Du bemitleidest dich mit deinen Gedanken selbst und steigerst dich womöglich immer mehr rein. Es kommen Gedanken hinzu, warum ausgerechnet immer dir das passiert, warum macht der andere das, warum kann es nicht mal… Es ist lediglich eine Geschichte, die dir nicht dienlich ist. Mitgefühl ist dagegen ein echtes Verständnis für dich und dein Gefühl, was soeben ausgelöst wurde – ohne dass du dich hineinsteigerst.

Mitgefühl ist KEIN Verdrängen deiner Gefühle

Du solltest dich also nicht in deinem Drama verstricken. Doch das heißt auch nicht, deine Gefühle nicht zuzulassen. Gefühle sind dazu da, um sie zu fühlen. Sie enthalten eine Botschaft, dass du auf etwas noch nicht neutral reagieren kannst. Solange du nun versuchst, diese Gefühle wegzudrücken, weil du eben nicht dich hineinsteigern möchtest, sie nicht annehmen willst oder weil dir beigebracht wurde, dass solche Gefühle nicht sein dürfen, müssen sie sich verstärken. Bis zu einem gewissen Grad kann das Verdrängen auch funktionieren, doch diese Gefühle verschwinden nicht, sondern werden in deinem Körper gespeichert. Über kurz oder lang machen sie dich dann krank. Heilung findet immer nur dann statt, wenn du dir erlaubst, dich mit deinem Gefühl zu tragen, das heißt, dein Gefühl wahrzunehmen; dem Gefühl zu erlauben, da zu sein.

Die eigene Kraft aktivieren

Wenn du in einer Lebenskrise steckst, dann kommen häufig sehr viele Emotionen zusammen. Ich kenne das sehr gut aus meinen eigenen Krisen. Irgendwann bist du an einem Punkt, dass du glaubst, nicht mehr zu können, dass du verflucht bist, dass es niemals wieder besser wird. Gott sei Dank habe ich in mir einen Anteil, eine Stimme, die dann irgendwann sehr wütend wird, so dass ich mir dann selbst gesagt habe: Und so nicht! Dann bin ich eben Baron von Münchhausen und ziehe mich nun selbst aus dem sch… Sumpf. Das ist der Moment der Kehrtwende. Wut kann sehr konstruktiv sein, wenn sie dazu genutzt wird, etwas zu verändern. Wenn dieser innere Antrieb in dir NICHT auf natürliche Weise entsteht, weil du depressiv oder apathisch bist, dann mache dir bitte bewusst, dass du niemals mehr vom Leben aufgebürdet bekommst, als du fähig bist zu tragen. Und du hast in dir eine Kraft, die dir hilft, diese Krise zu überwinden.

Du bist die Veränderung, die es braucht

Auch wenn du liebe Menschen um dich herum hast, die dir helfen oder helfen könnten, so bist letztendlich immer DU derjenige, der sich für eine Veränderung entscheiden muss. Gerade in depressiven Phasen ist es sehr wichtig, dass du das für dich anerkennst. Es wird dir auf der Ebene nicht wirklich jemand von außen helfen können, wenn du selbst nicht bereit bist, die Situation anzunehmen. Der erste Schritt beginnt immer mit der Annahme der Situation und des Gefühls. Es ist, wie es ist und dann erlaube dir, deine Gefühle einfach nur anzuschauen, ohne ein Drama daraus zu machen. Natürlich dürfen dabei auch viele Tränchen kullern, aber es sind dann heilsame Tränen, wenn du mit deinen Gedanken keine weitere Aufmerksamkeit in das Negative gibst. Und dann heißt es, bereit zu sein, die notwendigen Schritte einzuläuten, dich aufzuraffen und etwas zu tun. Ich weiß sehr gut, dass dies anfänglich enorm viel Kraft kostet, wenn man am Boden zerstört ist. Doch diese Kraft ist in DIR. Du hast sie. Jeder hat sie. Und mit jeder kleinen Veränderung kommt ein Stück positives Lebensgefühl zurück, was dich mehr stärkt.

Im Rückblick erscheinen sogar Krisen als sinnvoll

Wenn du nach einer Krise zurückblickst, kannst du oft sogar den größeren Zusammenhang des Ganzen erkennen. Nichts im Leben passiert zufällig, sondern hat immer einen wichtigen Sinn oder eine Ursache in der Vergangenheit. Vielleicht hast du durch deine Krise erst zu einem Menschen gefunden, den du wirklich liebst. Vielleicht hast du durch deine Krise zu dem Beruf gefunden, der dich wirklich glücklich macht. Vielleicht hat es auch einfach nur Schlimmeres verhindert. Oder du solltest etwas erkennen, was du bisher noch nicht für dich annehmen und bearbeiten konntest. Doch eines ist ganz klar: Du bist durch die Lebenskrise größer und stärker geworden – vorausgesetzt, du kannst die Vergangenheit nun ruhen lassen. Das ist aus meiner Sicht ein ganz wichtiger Schritt, um aus der Krise eine Chance zu machen: Anzuerkennen, dass es eine Krise war, dass sich dadurch vieles verändert hat, dass du vielleicht auch Menschen verloren hast. Doch es ist nicht mehr zu ändern und es macht keinen Sinn, an der Vergangenheit festhalten zu wollen. Kehre in die Gegenwart zurück und richte deinen Blick nach vorne. Erlaube dir, wieder glücklich zu sein! Denn du hast die Kraft, dein Leben selbstbestimmt zu gestalten und du bist es absolut wert, glücklich zu sein.